Das AOM, Soligor, TS und Seben Binokular Typ II

 

 

Mit diesem Lowcost Binokular ist es nun jedem Interessierten möglich in die beidäugige Beobachtung einzusteigen, ohne gleich fünfhundert oder sogar tausend Euro hinlegen zu müssen.

Das Bino wird unter vielen verschiedenen Firmennamen angeboten, der Hersteller ist jedoch unbekannt. Vermutlich wird es in China gefertigt.

Einige Händler behaupten, ihr Bino wäre besonders gut verarbeitet und rechtfertigen damit ein besonders teures Angebot. Dem angehenden Anwender sei jedoch versichert, dass alle Geräte baugleich sind. Eine Extrafertigung gibt es nicht. Der Straßenpreis beträgt zur Zeit 169 Euro.

Das Bino wird in der Regel im "Alukästchen" vertrieben.

 


 

 

Technische Daten:

Okularanschluß: 2 x 1,25 Zoll
Teleskopanschluß: 1,25 Zoll
Prismengröße: 24mm
Effektiver Lichtdurchlass 23mm
Augenabstand: 55mm - 75mm
Beidseitiger Dioptienausgleich: 5mm
Optischer Weg 116mm
Gewicht: ca. 530g


Der erste Eindruck lässt auf ein solide verarbeitetes Produkt schließen. Die Verstellung des Augenabstandes geht nicht zu leicht, so dass mit keiner ungewollten Verstellung zu rechnen ist. Gleiches gilt im Prinzip für den Dioptrienausgleich. Ein Einblick in dass Innere des Binos, welchen ich bei der Firma VTSB erhaschen konnte, zeigte eine solide Befestigung der Prismen. Eine Verstellung und damit dass Schielen des Binos ist daher unwahrscheinlich.


 

Auf dem linken Bild ist die solide Verstellmechanik zu erkennen.
Das rechte Bild zeigt leider eine Schwachstelle der Konstruktion - die Okularklemmung. Die Wandstärke des Okularstutzens misst keine 3mm. Da die Okulare sehr "schmatzend" passen, hängt die Klemmschraube nur in ein paar Gewindegängen - der Verlust der Schrauben ist damit vorprogrammiert. Das M3 Gewinde ist labbrig, wie man es von schlechten Alugewinden her kennt. Ich empfehle von außen eine M3 Mutter (am besten VA) vor das Gewinde zu kleben, um es zu verlängern und damit einen sichern Sitz der Schrauben zu gewährleisten.
 


Das linke Bild zeigt den tollen Alukoffer von innen. Man sollte sich hüten, die Schaumstoffeinsätze zu entfernen. Das Köfferchen ist nur einfach zusammengenagelt und die Nagelspitzen stehen überall hervor. Rechts sieht man das Bino "in action". Der Besitzer einer angepassten Säule wird sich einen Kasten Bier unter die Füße stellen müssen - der Teleskopeinblick liegt nun etwa 250mm höher.

Getestet wurde mit einem 6 Zoll Meade/TS FH, und einem Celestron SC 8. Als Augenstücke dienten zwei Zoomokulare 8 - 24mm von Seben. Die Seben ED Zoomokulare haben sich in einem vorangegangenen Test als sehr gute Okulare ihrer Preisklasse erwiesen. Transmission und Schärfe sind sehr gut, die Randschärfe ist am f/8 bzw. f/10 gut, wie für Plössl Designs üblich. Größere und schwerere Okulare sollten keine Verwendung finden, da die Tragkraft des Dioptrienausgleichs begrenzt ist.

Die maximale Okularbrennweite liegt bei ca. 30mm, wobei der Einsatz von Weitwinkelokularen keinen Sinn macht. Die minimale Brennweite wird von der Optik des Teleskops und vom Seeing bestimmt.

Das Einsetzen der Okulare erfolgt bis auf das oben beschriebene Manko problemlos. Das Verstellen der Okularbrennweite muss beidhändig geschehen, da sonst die Gefahr besteht, den Dioptrienausgleich zu verstellen. Dieser ist sehr feinfühlig einzustellen. Für den 5mm Ausgleich werden fast zwei volle Umdrehungen benötigt.

Vor dem Spechtelgenuß sollte das Bino eingestellt und die optimale Kopfhaltung ermittelt werden
Dafür werden die Okulare auf die geringste Vergrößerung eingestellt. Anschließend wird ein Objekt mit dem OAZ fokussiert. Nun wird jeweils ein Auge geschlossen und mit dem Dioptrienausgleich die optimale Schärfe für jedes Auge eingestellt. Da man sehr gerade (axial) in die Okulare sehen muss, empfiehlt es sich hin und wieder ein Auge zu schließen um sicherzustellen dass beide Augen noch auf der optischen Achse liegen.

Das Bino zeigt mit allen Optiken einen Blausaum, der von manchen vielleicht als störend empfunden werden kann. Der Blausaum befindet sich nicht am beobachteten Objekt sondern am Rande des Gesichtsfeldes. Er entsteht an den Kanten der wohl etwas klein bemessenen Prismen. Abhilfe würde wahrscheinlich eine Schwärzung der Prismenkanten schaffen. Dazu müsste dass Bino allerdings geöffnet und die Prismen ausgebaut werden. Danach wäre eine Neukollimation fällig. Ich empfehle daher, den Blausaum als nicht störend zu empfinden.

Am FH kommt das Bino mit einem herkömmlichen Zenitspiegel nicht ganz in den Fokus - dieser liegt ca. 2cm zu weit innen. Abhilfe schafft zu nächst einmal das Einschrauben der 1,5 fach TS Barlowlinse in das Filtergewinde des Binos. Grundsätzlich würde ich aber bei Barlowbetrieb hochwertigere Linsen einsetzen. Meine Empfehlung lautet jedoch keine Barlowlinse zu verwenden, da mit ihr regelmäßig eine Bildverschlechterung einhergeht. Ein um ca. 25mm verkürzter Tubus löst das Problem wesentlich eleganter. Eine Bildverbesserung gegenüber der Barlowlösung ist nicht zu übersehen. Zu Fokusprobleme mit anderem Equipment sollte es durch die Tubusverkürzung nicht kommen, da Refraktoren in der Regel einen besonders großen Verfahrweg des Okularauszuges aufweisen. Die individuelle Überprüfung dieser Tatsache vor der Tubuskürzung sollte sich von selbst verstehen.

Am Schmidt - Cassegrain Teleskop gab es wie erwartet keine Fokusprobleme. Analog gilt dieses für alle Systeme die durch den Hauptspiegel fokussiert werden wie z.B. Maksutov - Cassegrains. Besitzern von Newtonteleskopen wird nur der Betrieb mit einer Barlowlinse übrig bleiben, da es kaum möglich sein wird den Lichtweg des Binos auszugleichen.

Die optischen Eindrücke kurz zusammengefasst:
Aufgrund des derzeit schlechten Wetters war an ausgiebige Beobachtungen nicht zu denken. Die erste Beobachtung fand am Planeten mit "Heiligenschein" statt. Sofort fiel die angenehme Reduzierung des Lichtes auf. Saturn zeigte sich dadurch sehr detailreich, so dass auf die üblichen Graufilter zur Begrenzung der Lichtintensität verzichtet werden kann. Die Ringe, sowie der Planet selbst, zeigten sich bemerkenswert strukturiert.
Der große rote Fleck konnte nicht beobachtet werden. Dass liegt aber weniger am Binokular, als vielmehr an der Tatsache dass Saturn einfach keinen hat :-).
Der Vogel wurde aber von der großen Laterne am Himmel - dem Mond - "abgeschossen". Die Helligkeit des 7 Tage alten Mondes wurde angenehm herabgesetzt. Bei Vollmond wird man aber trotz Bino nicht ohne Graufilter auskommen. Am Mond gaukelt dass Gehirn dem Betrachter einen stereoskopischen Effekt vor. Dieser kann - im Gegensatz zum echten Doppelglas - natürlich mit einem Binoansatz real nicht zustande kommen, da bei Augen auf der gleichen Achse sehen. Der Anblick der Mondoberfläche ist großartig. Feinste Details der Kraterwände, die im einäugigen Betrieb vielleicht eher übersehen werden, werden sichtbar. Einzigartig ist der "Spaziergang" über die im Monobetrieb eher vernachlässigten Maare. Die Strukturierung der Maare tritt besonders deutlich zu Tage. Sie erinnert an feinste Marmorstrukturen.
Im Deepsky Bereich gibt es natürlich deutliche Abstriche. Jeder der den Unterschied zwischen 4 und 8 Zoll kennt, wird wissen wovon ich rede. In einem Bereich, in dem man bestrebt ist möglichst jedes "Photönchen" einzufangen, wird die effektive Öffnung plötzlich auf die Hälfte reduziert. Man sollte sich daher auf hellere Deepsky Objekte beschränken und mindestens 8 besser 10 Zoll sein Eigen nennen.

Fazit:
Bei Mond und Planetenfreaks sollte dieser Binoansatz auf keinen Fall in der Ausrüstung fehlen. Selbst einige Deepsky Fanatiker werden sich nach dem Erwerb wieder öfter am Mond aufhalten. Der Deepsky Betrieb ist eingeschränkt - entsprechende Öffnung vorausgesetzt - möglich und kann auch dort eine Menge Spaß bringen. Verglichen mit dem sehr viel teureren Baader Binoansatz kann man hier ein hervorragendes Preis- Leistungsverhältnis bescheinigen.

Noch ein kleiner Tipp: Man sollte dieses Bino nicht beim Ramschhändler, sondern beim Astrohändler des Vertrauens kaufen. Ansonsten darf man sich evtl. mit einem dejustierten Gerät herumärgern, oder bekommt anstatt des Originalkästchens nur einen Pappkarton.

Viel Spaß beim Stereospechteln wünscht
Dobs